Es war Anfang der neunziger Jahre. Ich hatte meine Tätigkeit an der Humboldt Universität beendet. Da sprach mich eine Kollegin an, ob ich sie im Club ASIATICUS vertreten könne, um mit vietnamesischen Kindern Deutschunterricht zu machen. Warum nicht, dachte ich, das kann bestimmt interessant werden. Ich freute mich darauf.

Der Unterricht fand in der Schliemannstraße statt, wo sich der Klub damals schon unter der energischen Leitung von Frau Thu etabliert hatte.

Der Raum lag zu ebener Erde. Die Kinder saßen an einem langen Tisch zwischen Fenster und Tür. Neben der Tür stand die Tafel, eine gute alte Schultafel mit Kreide und Lappen.

Es war Sommer und warm. Wir lernten bei offenem Fenster, das zur Straße zeigte. Ich stand mit dem Rücken zu den Schülern und schrieb gerade lokale Präpositionen an die Tafel, als es plötzlich dunkler wurde und das Kindergemurmel verstummte. Verwundert wandte ich mich um.

Was war los?

Im Fenster lag ein großer Schäferhund und blickte neugierig zu uns herein. Er lag mit seinen dicken Pfoten auf dem Fenstersims. Bald danach schlurfte sein Herrchen – ein Clochard vom nahen Helmholz Platz heran, schaute eine Weile dem Unterricht zu und verabschiedete sich schließlich mit den Worten: „Nüscht für unjut, Frau Lehrerin.“ Mit seinem Hund zog er dann weiter.

Meine Einladung, doch hereinzukommen und mitzumachen, hatte er freundlich abgelehnt.

Dieses Erlebnis ist mir zu Herzen gegangen, und ich danke heute noch Frau Thu dafür, dass ich in der damals etwas verrufenen Gegend diese und andere sozialen Erfahrungen machen konnte.

Inzwischen sind aus einer vorübergehenden Vertretungsstunde mehr als 15 Jahre fruchtbare und enge Zusammenarbeit und ein herzliches Verhältnis zu Frau Thu und den vietnamesischen Freunden geworden.

Gerlinde Engelstädter

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