Wir, die zweite Generation der Vietnamesen in Deutschland, wachsen zwischen zwei völlig unterschiedlichen Kulturen auf. Einerseits ist da die etwas vernachlässigte vietnamesische Tradition, die von unseren Eltern zu Hause praktiziert wird. Andererseits die deutsche Kultur, die wir durch unsere Gleichaltrigen in der Schule und durch die Medien mitbekommen. So können wir weder die eine noch die andere Kultur vollständig in uns aufnehmen. Es sind immer Bruchstücke, die wir mitbekommen. Von den Eltern lernen wir Respekt gegenüber anderen Menschen,Gehorsam gegenüber den Älteren in der Familie. Von unseren gleichaltrigen deutschen Freunden hören wir von Freiheit, von Individualität und von einer  fast schon egozentrischen Sicht auf  das Leben. So haben wir als Jugendliche zwei völlig verzerrte Bilder von der deutschen und der vietnamesischen Gesellschaft miteinander verschmolzen, die uns mehr Fragen als Antworten bringen.

Als Erwachsene lernen wir, dass es notwendig ist, sich zu einer der Kulturen zu bekennen. Aus pragmatischen Gründen passen wir uns unserem Lebensmittelpunkt an, der mehr deutsch als vietnamesisch ist. Doch nach und nach spüren wir die Konflikte, die solche Entscheidungen immer mit sich bringen. Das Zugehörigkeitsgefühl will nicht so recht kommen, weder seitens der Gesellschaft, noch von einem selbst. Dazu kommen noch Konflikte zwischen den Generationen, die man als Heranwachsende oder junge Erwachsene allein nicht bewältigen kann. Jede sucht für sich selbst eine Lösung, für die Einen erledigt sich die Sache durch den Alltagsstress von allein, Andere jedoch begeben sich auf die Suche nach der Wurzel des Problems, und meistens wird diese Suche zu Hause begonnen.

Das Leben in Deutschland bedeutete für unsere Eltern Entbehrungen. Ich spreche hier nicht von materialistischen, sondern von kulturellen, emotionalen Entbehrungen. Viele Auslandsvietnamesen der ersten Generation waren ausgebildete Akademiker, die in Deutschland ihren eigentlichen Beruf nicht ausüben konnten. Viele mussten Tätigkeiten aufnehmen, die weder ihren Fähigkeiten noch ihrem Stolz gerecht werden. Die meisten rutschten in zwielichtige Geschäfte wie der illegale Zigarettenverkauf (man hört ja so oft von der vietnamesischen Zigaretten – Mafia und dort finden sich  unsere eigenen Familienmitglieder, Freunde und Bekannte). Wenn sie Glück haben, können sie etwas Eigenständiges aufbauen, wie einen Tante-Emma Laden oder eine kleine Imbissbude. Letzen Endes sollte die Aufopferung unserer Eltern uns Kindern eine Aussicht auf eine bessere Zukunft  bieten, eine bessere Ausbildung und eine Arbeit, die uns Zufriedenheit und Sicherheit bringen soll. So verbrachten sie mehr Zeit bei der Arbeit  als bei der Familie. Eine vietnamesische Kindererziehung haben viele nicht genossen. Wir Kinder lernen die Heimatskultur durch die selten erzählte Geschichten aus längst vergangenen Zeiten, die uns fremder vorkommen als die sonntägliche Tatort-Ausstrahlung auf ARD. Die gemeinsam in der Familie verbrachte Zeit ist immer hektisch und unkoordiniert, so dass das Gefühl von Zusammengehörigkeit mehr eine genetische als eine kulturelle Tatsache ist. In diesen Verhältnissen wachsen wir, die zweite Generation der Auslandsvietnamesen in Deutschland auf.

Ich hörte das erste Mal von VINAPHUNU, als ich 16 oder 17 Jahre alt war. Es war auf einer Geburtstagsfeier, auf der alle Vietnamesinnen in der Küche aushalfen und ich als Einzige ungeschickt herumstand. VINAPHUNU ist wie ein Gerücht, das langsam in einen hineinsickert. Man hörte zuerst von der engagierten Frau Hoai Thu, von den Sprachkursen und von den Beratungen im Haus der vietnamesischen Frauen, alles in allem also mehr ein Zentrum für Großmütterchen und Mütterchen. Nichts für eine „weltzugewandte Heranwachsende“  wie mich.  Dann hörte man da und dort von Kunstausstellungen, Ausflügen und von Vorführungen. Also doch auch ein Zentrum der vietnamesischen Kultur für Kinder und Jugendliche. Obwohl mein Interesse schon damals geweckt wurde, habe ich Jahre gebraucht, um mich endlich dazu zu bewegen VINAPHUNU kennen zu lernen. Und so kam ich vor fünf Jahren zum 15jährigen Jubiläum des Klubs und verfolge seitdem, trotz des Umzugs aus Berlin jede Aktivität von VINAPHUNU.

Was mich besonders beeindruckt ist der Zusammenhalt der Klubmitglieder, die gegenseitige Unterstützung in jeder Lebenslage, von den kleinen Tips in der Küche über Kindererziehung, bis zur rechtlichen Beratung durch qualifiziertes Personal. Und immer wieder eine kleine spontane Gedichtrezitation, die die Seele wieder zur Ruhe bringt. Die kleine Räumlichkeit des Klubs beinhaltet eine beeindruckende vietnamesische Büchersammlung, die einem gleich beim Eintreten den Atem nimmt. Die Küche, wo zusammen gekocht und gegessen wird, ist wie bei einer Familie der Mittelpunkt des Klubs. Die Ausflüge und Reisen der Frauen werden detailliert bildlich und schriftlich festgehalten, dass Jede es nachlesen und nachsehen kann. Die jährlichen Kunstausstellungen bieten Vielen die Möglichkeit, die Kultur Vietnams kennenzulernen oder seine Kenntnisse dazu zu vertiefen. All diese großen und kleinen Dinge werfen auf meine Sicht ein völlig neues Licht. Dadurch lerne ich meine Eltern zu verstehen und meine Kultur zu schätzen. Es ist nicht mehr so schwierig, die Unterschiede zwischen den zwei Kulturen zu harmonisieren. Ich entdecke überraschende Gemeinsamkeiten, die ich vorher nie gesehen habe und teile diese Entdeckung anderen mit. Grundsätzliche wie die Tischmanier oder der Umgang mit Fremden in der Öffentlichkeit. Unsere beiden Kulturen weisen viel mehr Ähnlichkeiten auf, als wir es wahrnehmen. Für dieses Wissen und für die Unterstützung, die ich durch VINAPHUNU bekommen habe, möchte ich mich heute bei Frau Hoai Thu und bei jedem einzelnen Mitglied bedanken.

Ich hoffe sehr, dass VINAPHUNU weiterhin ein Hafen für „gestrandete“ Vietnamesen sein wird. Dass die dritte Generation der Auslandsvietnamesen in Deutschland noch die Chance haben wird, die Lücke, die sie in ihrer Erziehung zweifelslos noch erleben werden, bei den vietnamesischen Frauen des VINAPHUNU, auffüllen zu können. Ich wünsche VINAPHUNU zwanzig weitere erfolgreiche Jahre.

Pham Viet Duc

Köln, April 2011 

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