Als ich März 2007 zum ersten Mal zu VINAPHUNU in die Schönfließer Straße kam, war es, als käme ich in eine mit vielen Bildern, Photos und einer beeindruckenden Mediathek ausgestattete Wohngemeinschaft von jungen und alten Frauen – einige wenige Männer sah ich dort auch. Ich wollte zu der Sozialarbeiterin und Sprachmittlerin Hoai Thu Loos, um sie für das Buch über junge VietnamesInnen in Deutschland zu interviewen, das Anja Tuckermann und ich im Archiv der Jugendkulturen unter dem Titel „Heimat ist da, wo man sich verstanden fühlt“ ein Jahr später veröffentlicht haben. Ich wusste, dass das Frauenprojekt VINAPHUNU seit 1991 dem Club ASIATICUS angegliedert war, einem von Sinologen gleich nach der Wende im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg gegründeten gemeinnützigem Verein zur Förderung der Kommunikation und des friedlichen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Nationen und Kulturen, insbesondere des asiatischen Kulturkreises. VINAPHUNU (vietnamesische Frauen) war unter der Leitung von Hoai Thu Loos zu einem anerkannten Beratungs- und Bildungszentrum für vietnamesische Frauen geworden, das noch heute von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen, dem Ausländerbeauftragten von Berlin und dem Bezirksamt Pankow unterstützt wird. Mir war auch bekannt, dass man Frau Thu für ihr persönliches Engagement, ihren tatkräftigen und ideenreichen Ausbau dieses Projektes 1999 mit dem Frauenpreis der Stadt Berlin und 2001 mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet hatte.

Ich war also sehr neugierig auf „Thu“, wie ich sie alsbald selbst nennen sollte. Denn die energische, vor Leben nur so sprühende, temperamentvolle kleine Frau mit den kurzen Haaren, die in einem der drei Räume an einem langen Tisch saß, nahm mich sofort für sich ein. Auch wenn ich mein Mikro, das ich vor ihr aufbaute, nicht benutzen durfte, weil sie eine tiefe Abneigung gegen ein solches Aufnahmegerät hatte. Also schrieb ich mit, was sie mir erzählte, und hatte dabei ausreichend Gelegenheit, meinen sofort vor mich hingestellten Jasmintee zu trinken, mich umzuschauen und die vielen Fotos an den Wänden zu betrachten. Denn andauernd kamen mal ältere, mal jüngere Frauen dazu, um uns zu begrüßen, Fragen an sie zu stellen, uns zuzuhören oder sich zu verabschieden. So lernte ich auch ihre Tochter kennen, die damals noch Grafik und Design studierte und gerade vor dem Abflug nach London stand, wo sie ihr Studium fortsetzen sollte. Ich dachte schon, dass Thu hier im VINAPHUNU vielleicht auch wohne, was mir in Anbetracht ihrer vielen Aktivitäten im Nachhinein auch gar nicht so abwegig schien. Diese Frau verblüffte mich durch ihre Offenheit, die pragmatische, zupackende Art, mit der sie rasch, reflektiert und ohne Schnörkel und blumige Verklausulierungen auf den Punkt kommend, meine Fragen antwortete. Da wurde nichts versteckt und beschönigt, nichts verklärt oder versteckt. Ich glaubte ihr sofort, dass es für sie zwar schwierige, aber nicht unlösbare Aufgaben gibt, die man aber eher indirekt angehen müsse. Und mir wurde schnell deutlich, wie viel VINAPHUNU von ihrer reichen Lebenserfahrung als Frau, Ausländerin und allein erziehender Mutter profitieren müsste. Als sie dann stolz von ihren vielfältigen Aktivitäten mit Eltern, Kindern und Jugendlichen erzählte, vor allem von ihrer Mädchen-Tanzgruppe Xinh Company, die beim Karneval der Kulturen 2004 den ersten Preis für die beste Kinder- und Jugendtanzgruppe gewonnen hat, wirkte sie fast kindlich in ihrer Freude. Mit dem Gefühl, eine tolle Frau kennengelernt zu haben, bin ich dann im Frühjahr vor mittlerweile vier Jahren nach Hause gefahren und habe mich gefreut, dass sie unser Buch nach seinem Erscheinen dann als ein „richtig seriöses Buch“ lobte. VINAPHUNU ist mit seither als Ort der Zuflucht und Heimatstätte vietnamesischer Frauen, als Beratungsstelle, kulturelles Kommunikationszentrum, als anregender Treffpunkt für einen offenen Gedankenaustausch zwischen den Generationen, als Ort vielfältiger Aktivitäten und wechselnder Ausstellungen, als Begegnungsstätte für Familien und Freunde, vietnamesischer und deutscher, ans Herz gewachsen. Wenn ich in Berlin bin, folge ich nur gern den Einladungen zum Neujahrsfest ins VINAPHUNU. Besonders in Erinnerung blieb mir die interessante Ausstellung samt Einführung ihrer Tochter über die bedrohte Tierwelt in Vietnam. Bei diesen Gelegenheiten waren die Küche und der lange Tisch überladen mit den für mich fremden kulinarischen Herrlichkeiten, die die ständigen BesucherInnen und MitarbeiterInnen zu diesem Anlass gekocht und aufgebaut hatten. Ich war sehr angetan von der lockeren Atmosphäre in den gemütlichen, prallvoll mit vietnamesischen und deutschen BesucherInnen jeden Alters gefüllten Räumen, nicht zu vergessen den zahlreichen Kindern, und hatte dort viele interessante Begegnungen. Dabei strahlte Thu aus, was sie mir bei unserem ersten Gespräch gesagt hatte: dass man bei der Bearbeitung all der vielen Probleme nie vergessen dürfte, gemeinsam Spaß zu haben und Vergnügliches miteinander zu teilen.

Uta Beth

15/4/2011

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