Die Geschichte fing so an: Im Jahr 1992 war es. Ich war Studentin der Germanistik, erst ein paar Jährchen in Berlin und noch so richtig grün hinter den Ohren. Damals hauste ich in einer wirklich lausigen Einzimmerwohnung in Friedrichhain, die kein anderer Mitbewerber mit WBS-Schein überhaupt haben wollte. Aber es herrschte große Wohnungsnot, so bezog ich das düstere Loch. Die meiste Zeit kam ich allerdings bei einer Freundin unter, die mich gutmütig bei sich wohnen ließ. Aber dieser Zustand konnte so nicht weitergehen.

Damals studierte ich mit einer chinesischen Kommilitonin, der ich von meinem Leid klagte. Sie schaute mich groß und mitleidig an, und sagte: „Ich kenne da jemandem in Prenzlauer Berg, den stelle ich dir mal vor, und der weiß bestimmt eine gute Wohnung für dich“. – So lernte ich meinen späteren Mann Jia kennen. Er arbeitete in einem asiatischen Zentrum, das sich Club Asiaticus nannte. Ich war ehrlich gesagt etwas skeptisch, ob der Besuch überhaupt etwas bringen würde. Aber in meiner Situation mußte ich jede Gelegenheit beim Schopfe packen.

So ergab ich mich meinem Schicksal. Im Club Asiaticus wurde ich gleich herzlich begrüßt und bewirtet. Ein heißer Jasmintee, Sesamkräcker und eine köstliche Nudelsuppe standen schon bald vor meiner Nase. Ich fühlte mich sofort wohl, in den freundlichen Räumen in der Schliemannstraße. Und ich wußte plötzlich: hier ist irgendwie alles möglich. Dann lernte ich auch Thu, die Leiterin des Clubs, kennen. Sie erzählte mir von ihrem Projekt Vinaphunu, das sie schon einige Jahre leitete. Wenn das Telefon im hinteren Bürozimmer läutete, rauschte sie nach hinten, um dort lautstark zu telefonieren. Meistens auf vietnamesisch. Asiatische Frauen hatte ich mir irgendwie ganz anders vorgestellt. Zart, zurückhaltend und still. Thu war das Gegenteil davon: direkt, zupackend und immer in Aktion. Weil ich so eine Person noch nie kennen gelernt hatte, beobachtete ich alles erst einmal ganz genau. Ziemlich schnell vertraute ich meinem positiven Bauchgefühl. Diese Frau war klasse! Ich hatte das verschmitzte und lustige Lächeln in Thus Augen gesehen. Ich war unglaublich beeindruckt, von den vielen Aktivitäten, die Thu mit ihren Leuten für die vietnamesischen Frauen organisierte.

Es sollte nicht mein letzter Besuch in der Schliemannstraße sein. Mehr und mehr lernte ich auch die anderen Vietnamesinnen kennen, die fleißig zum Deutschkurs kamen, oder den Kochkurs besuchten. Und auch die deutschen Bewohner aus dem Hinterhaus trafen sich gerne in der offenen Atmosphäre des Clubs. Für mich, als Studentin aus dem damaligen Westdeutschland, taten sich spannende neue Welten auf. Ich lernte nicht nur die asiatische Mentalität besser kennen, auch über ostdeutsche Lebensweisen wurde ich aus erster Hand aufgeklärt.

Irgendwann fragte mich Thu, ob ich nicht mitmachen möchte, beim Frauenprojekt. Ich hatte gerade meinen ersten Sohn geboren und steckte mitten in meiner Magisterarbeit. Ich konnte es mir vorstellen und sagte zu. Das ist jetzt 16 Jahre her. Den Entschluss habe ich nie bereut. Mit Thu gemeinsam für das interessante Projekt Vinaphunu zu arbeiten, war immer eine große Freude. Gemeinsam haben wir in den vergangenen Jahren viel für die vietnamesischen Frauen erreicht.

Eine neue Wohnung habe ich übrigens damals, dank Jia, tatsächlich bald bekommen. So war es schließlich ein sehr großes Glück, dass mir die damalige Kommunale Wohnungsverwaltung (KVV) nur eine schäbige, kalte und feuchte Einraumwohnung zugewiesen hatte. Wenn das nicht gewesen wäre, ja, dann hätte ich niemals Thu und Vinaphunu kennen gelernt. Und auch nicht so viele tolle Menschen, die mir heute sehr nahe stehen.

 

Berlin 5.2011

Constanze Labrana Alacon

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