Der Name und das Projekt sind unverbrüchlich mit einer Frau verknüpft, die VINAPHUNU„erfunden“ und „beantragt“ hat und seit Bestehen dieses Projekt nun leitet, macht und managt. Natürlich spreche ich von Loos Nguyen Thi Hoai Thu. Man muss sie kennen und wer sie nicht kennt, hat einen großartigen Menschen verpasst. Ich kenne sie glücklicherweise und sogar schon seit es VINAPHUNU gibt. Tatsächlich sogar schon einige Zeit länger. Denn als ich Thu kennenlernte, arbeitete ich in der Senatsverwaltung Arbeit und Frauen und war für die Förderung ausländischer Frauenprojekte zuständig. Die ersten berufsmäßigen Kontakte zu einzelnen Frauen und ersten Fraueninitiativen aus dem ehemaligen Ostberlin hatten schon stattgefunden, doch eine Frau aus Vietnam hatten ich und meine Kolleginnen noch nicht kennengelernt. Daher war es schon eine aufregende Sache, als Thu in der Senatsverwaltung die Wendeltreppe zu meinem Büro hochgestapft kam. Damals residierte die Abteilung Frauenpolitik ganz oben im Turm des Alten Stadthauses in der Klosterstr. 47. Dieser Turm, den das DDR-Ministerium für Staatssicherheit genutzt hatte, war der ungewöhnlichste Arbeitsort, den man sich vorstellen kann. Doch die ganze Zeit war ungewöhnlich, am deutlichsten für die Berliner Bevölkerung. Alles war im Aufbruch und Umbruch und für die damaligen DDR-VertragsarbeitnehmerInnen aus den sozialistischen Bruderländern, so auch aus Vietnam, war die Zeit sogar sehr ungewiss und niemand wusste, wie sich alles entwickeln würde. Die ganze Zukunft stand für diese Menschen damals in den Sternen. Viele lebten in sehr ungewissen und finanziell ungesicherten Verhältnissen, keiner konnte mit Sicherheit wissen, ob er noch längere Zeit in Deutschland leben würde oder schon bald wieder in Vietnam sein würde. In dieser Zeit hat sich Thu ein Herz gefasst und entschieden, dass sie etwas für ihre vietnamesischen Kolleginnen tun musste. Sie hat die Lage damals klar erfasst und richtig eingeschätzt: Wenn die ehemaligen DDR-VertragsarbeitnehmerInnen nicht vollkommen von den gesellschaftlichen Änderungen überrollt werden wollten und wenn sie im „geeinten Deutschland“ überhaupt eine Perspektive haben wollten, dann brauchten die Familien, insbesondere die Frauen, eine Menge Unterstützung.

Wer Thu kennt, der weiß, dass sie schon immer eine Frau der Tat gewesen ist und diesem Wesenszug von ihr ist es zu verdanken, dass es das vietnamesische Frauenprojekt gibt. Selbstverständlich nicht nur ihr, denn viele Menschen und etliche Institutionen haben dieses Projekt unterstützt und wachsen und gedeihen lassen. Doch es war Thu, die all diese Menschen für „VINAPHUNU“ gewonnen hat und so ist sie doch „die Mutter von VINAPHUNU“.

Mich konnte sie damals nicht mit dem Projekt überzeugen, denn das gab es ja noch nicht. Damals „lebte“ es „nur“ in der Vorstellung und im Herzen von Thu.

So hat mich Thu nicht mit „VINAPHUNU“ gewonnen, sondern einzig und allein mit sich selbst und ihrem Wesen. Obwohl es nicht immer einfach ist, Menschen aus anderen Kulturen, mit denen man auch noch nicht viel zu hatte, gleich richtig einzuschätzen, ist Thu sofort zu mir durchgedrungen und ich wusste in der Minute, als wir uns kennenlernten, dass wir eine gute gemeinsame Zeit miteinander haben werden. Und so kam es. Die Zeichen standen damals gut und wir haben die Gunst der Stunde genutzt und das Projekt „VINAPHUNU“ auf dem Papier auf „Fördertauglichkeit“ getrimmt und so konnte es bald losgehen. Seit diesem Tag, der nun schon zwanzig Jahre zurückliegt, hat Thu nicht mehr aufgehört, sich für die vietnamesischen Frauen und ihre Familien einzusetzen.

Es ist ganz unmöglich, eine Statistik aufzustellen, aus der ersichtlich werden könnte, wie vielen Menschen Thu geholfen hat, wer ihr alles was zu verdanken hat, was sie mit ihrer Arbeit ermöglicht, und was sie glücklicherweise auch verhindert hat.

Ich brauche keine Statistik, denn wie ich bereits sagte, hat Thu mich sofort von sich selbst, von ihrem Potential und ihren guten Absichten überzeugt. Es war Freundschaft auf den ersten Blick! In den vergangenen Jahrzehnten hat sie aus diesem Frauenprojekt ein überaus lebendiges Stück Berlin gemacht, auf das so viele Frauen, Kinder und Freunde von Vietnam keinesfalls verzichten können.

Sie wurde inzwischen vom Bundespräsidenten für ihr Engagement ausgezeichnet und hat somit Würdigung von hochoffizieller Seite erfahren. Zum Glück. Und vor allen Dingen zu Recht. Denn dieser Frau haben wir alle zu danken. Schließlich ist sie diejenigen, deren täglich Brot es seit über zwanzig Jahren nun ist, das Unrecht, das die ehemaligen DDR-VertragsarbeitnehmerInnen von staatswegen – hüben wie drüben! – erfahren haben, etwas zu mildern.

Ich freue mich, dass das Projekt „VINAPHUNU“ Bestand hat und ebenso freue ich mich, dass meine Freundschaft mit Thu Bestand hat. In diesem Sinne: auf die nächsten zwanzig Jahre!

Angelika Garbaya

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