Nun, ich weiß nicht recht, ob ich mich eher freuen oder mir eher Sorgen machen müsste, wenn bác Thu mich liebevoll als „Stolz VINAPHUNUs“ bzw. als „Erfolgsergebnis des Vereins“ bezeichnet… Einerseits freue ich mich natürlich sehr darüber und fühle mich äußerst geehrt, andererseits wird mir allerdings auch ein wenig Bange zumute. Habe ich diese Bezeichnung wirklich verdient? Was kann oder muss ich tun, um ihr gerecht zu werden, um unseren Verein und vor allem um bác Thu nicht zu enttäuschen? …

Im Jahre 1998 wurde der erste Vietnamesisch-Kurs eröffnet. Ich erinnere mich noch ganz genau an die ersten Lektionen mit meiner damaligen Vietnamesisch-Lehrerin Ha, einer Frau, die ich aufgrund ihres freundlichen Wesens, ihrer zarten nordvietnamesischen Stimme und ihres stets gepflegten und modernen Erscheinungsbildes bewunderte. Damals bestand der Vietnamesisch-Kurs nur aus 2 Personen, der Lehrerin und mir, der einzigen Schülerin. Es heißt bekanntlich „Aller Anfang ist schwer“. Auch ich war nicht vor den anfänglichen Schwierigkeiten beim Erlernen meiner „Muttersprache“ verschont geblieben. Wie die meisten Teilnehmer der heutigen Vietnamesisch-Kurse bin ich in Deutschland geboren und aufgewachsen. Auch wenn zuhause stets die vietnamesische Sprache dominierte, wurde ich im Laufe der Zeit immer stärker von der deutschen Sprache und Kultur beeinflusst. Dies ist ein selbstverständlicher Prozess, da ich deutsche Erzieher und Lehrer hatte, mit deutschen Kindern spielte, deutsches Fernsehen sah usw. Da ich zudem mit der südvietnamesischen Sprache erzogen wurde, war ich mit einer zusätzlichen Erschwerung beim Vietnamesisch-Lernen konfrontiert und musste mich zunächst an das Hochvietnamesisch gewöhnen. Mein großes Glück hingegen war, dass meine Eltern stets großen Wert darauf legten, dass ihre Kinder die vietnamesische Sprache beherrschten. Dafür bin ich ihnen heute unendlich dankbar. Neben der Motivation der Eltern, stellt die Möglichkeit auf Kontakt mit der vietnamesischen Gemeinde, sowie die Möglichkeit auf den regelmäßigen Besuch eines Vietnamesisch-Kurses eine wesentliche Voraussetzung für die Bewahrung der vietnamesischen Sprache dar.
Der Verein VINAPHUNU hat diese Möglichkeiten geschaffen und ich habe das außerordentliche Glück die Erste zu sein, die diese Möglichkeiten in Anspruch nehmen durfte. Nach mir folgten Thu-Nicole, Trang und mit der Zeit noch viele weitere Teilnehmer.

Ein Jahr später übernahm co Huyen unseren Vietnamesisch-Kurs. Den Eindruck, den ich noch von „co giao“ (Lehrerin) Huyen behalten habe, ist den einer lieben und warmherzigen Frau. Jede Lehrerin hatte ihren eigenen Lehrstil, doch eines hatten sie gemeinsam: beide waren fest entschlossen uns sowohl das vietnamesiche Lesen und Schreiben, als auch die Geschichte und Kultur Vietnams nahe zu bringen.

Im Laufe der Zeit wurde VINAPHUNU zu einem Ort, an dem ich mich immer wohler, geborgener und stärker zugehörig fühle. Genau wie viele andere Mitglieder, würde auch ich den Verein als mein „ Zweites Zuhause“ bezeichnen. Besonders in den Wochen der Vorbereitungen für das kulturelle Programm verschiedener Veranstaltungen war ich so gut wie jeden Tag anwesend. Da ich es von klein an geliebt hatte zu singen und zu tanzen, gab mir VINAPHUNU eine ideale Möglichkeit diese Leidenschaft als Xinh Company-Mitglied auszuleben. Ich werde niemals vergessen, wie wir während der harten Trainingsstunden mit chi (Schwester) Tyty viel Zeit, Kraft und Schweißperlen opferten, wie wir uns gegenseitig kurz vor den Auftritten bei den Kostümen halfen, uns die Haare flechteten und schminkten. Genauso werde ich das gemeinsame Zittern kurz vor dem Auftritt, die Aufregung und zugleich den Stolz sowie die gegenseitigen Ermutigungen und das großartige Gefühl auf der Bühne zu stehen und anschließend vom Publikum applaudiert und gelobt zu werden wie beim Karneval der Kulturen 2004, als wir den ersten Platz in der Kategorie Kinder und Jugendliche bekamen oder zu Gast beim Regierenden Bürgermeister von Berlin im Roten Rathaus waren. Ein Gefühl, welches unbeschreiblich toll ist und immer in Erinnerung bleibt. Danke VINAPHUNU, danke Xinh Company, danke chi Tyty für diese wunderbare Erfahrung!

Zudem hat mir der Verein „Seelenverwandte“ beschert, Freunde, die „meinesgleichen“ sind und heute zu meinem engsten Freundschaftskreis gehören. Immer wenn wir uns wiedersehen, lassen wir gern unsere gemeinsamen Kindheitserinnerungen mit VINAPHUNU wach werden. Unter anderem liebten wir die Kinderfeste, die jährlich, meist im Freien, stattfinden. Es gibt immer viele Spiele und Wettbewerbe (Stuhltanz, Seilspringen, Tischtennis, Malwettbewerbe, usw.), bei denen man immer tolle Preise gewann. Toll war auch das Buffet, zwar ziemlich einfach und doch fanden wir es immer total lecker. Es war immer eine Mischung aus deutschen und vietnamesischen Gerichten. Nudelsalat, Gebratener Reis, frittierte Hühnerkeule und Frühlingsrollen gehörten zum Pflichtprogramm. Am liebsten mochte ich Fleisch vom Grill oder Frühlingsrollen mit Reisnudeln, Kräutern und „nuoc mam“, natürlich nur „nuoc mam“ von bac Thu höchstpersönlich zubereitet! 😉
Normalerweise hassen es Kinder von ihren Eltern auf Feiern mitgeschleppt zu werden, wo sich viele Menschen, vor allem viele vietnamesische Menschen befinden. In diesem Fall hingegen, versteckten wir uns sogar vor den Eltern, um nicht nachhause gehen zu müssen.

Unglaublich wie schnell die Zeit vergeht… So viele Kindheitserinnerungen mit VINAPHUNU, die über die letzten Jahre unbewusst in Vergessenheit gedrängt wurden. Ich bin mit dem Club aufgewachsen und groß geworden. Genauso wie der Verein, habe auch ich inzwischen meine „20-Jahre-Marke“ erreicht. Viele Jahre davon wurden sehr stark von VINAPHUNU geprägt. Man könnte sagen, dass ich durch VINAPHUNU zu meiner wahren Identität und damit zu mir selbst gefunden habe. Während ich früher nie genau wusste, ob ich mich als Deutsche oder Vietnamesin bezeichnen sollte, habe ich heute so gut wie keine Probleme mehr meine Identität klar zu definieren: Ich bin nun stolze Deutsche mit vietnamesischen Wurzeln.

Der Verein gab mir Stärke und Selbstvertrauen indem es mir beibrachte, nicht zwischen sondern mit 2 Kulturen zu leben. Ohne VINAPHUNU, wäre ich damit nicht genau die Person, die ich heute bin. Dafür möchte ich an dieser Stelle bac Thu, die Projektleiterin von VINAPHUNU, erwähnen und ehren, denn ohne SIE gäbe es kein VINAPHUNU.

In meinen Augen ist bac Thu stets eine fürsorgliche und liebevolle „Tante“ (vietnamesisch: bác), die die leckersten Gerichte zaubern konnte, eine kompetente Lehrerin (sie war tatsächlich meine 3. Vietnamesischlehrerin, genauer zu sagen die Lehrerin für vietnam. Literatur), die mir so vieles lehrte, und nicht zu vergessen ein großartiges Vorbild, dessen breitgefächertes Wissen und endlos großes Herz ich bewundere.


In der Tat habe ich viele interessante und nützliche Dinge von bac Thu gelernt, die noch heute in meinem Alltag präsent sind. Unter anderem konnte ich dank bac Thu die Schönheit Ha Noi’s fühlen, eine melancholische und doch so wundervolle Stadt, in die ich mich verliebte, ohne sie jemals richtig kennengelernt zu haben. Darüber hinaus brachte bac Thu mir bei, dass man im Leben immer etwas Nützliches für seine Gemeinschaft tun sollte. Um dies zu realisieren, muss man sich zunächst in der Gesellschaft behaupten, indem man sich eine angesehene Stellung verschafft. Außerdem habe ich gelernt, Dinge aus einer objektiven Perspektive zu sehen und zu beurteilen, die starke und schwache Aspekte der fernöstlichen und westlichen Kultur zu erkennen und mir jeweils das Beste aus beiden Kulturen herauszunehmen. So bin ich stets darum bemüht, mir deutsche Tugende wie Pünktlichkeit, Pflichtbewusstsein, Korrektheit und Ehrlichkeit anzueignen und versuche sie mit vietnamesischen Werten wie Ehrgeiz, Respekt gegenüber Älteren und Nächstenliebe zu verbinden. Zudem lernte ich die 4 traditionellen Grundeigenschaften “Cong, Dung Ngon, Hanh“ einer vietnamesichen Frau kennen, die ich in bac Thu wiedererkennen kann und ebenfalls anstrebe.

Liebste bac Thu, vielen vielen Dank für all die wertvollen Dinge, die ich von dir und dem VINAPHUNU erhalten habe.Auch wenn ich heute nicht mehr regelmäßig im Club erscheine- der Club wird immer ein bedeutender Ort für mich bleiben. Schließlich hängen hier eine der schönsten Erinnerungen meiner Kindheit, Erinnerungen die tief in meinem Herzen verankert sind. Genauso wirst auch Du immer eine besondere Person in meinem Herzen bleiben, eine Person, der ich unendlichen Dank gebühre. Du hast mir nämlich Werte vermittelt, die mich zutiefst geprägt haben und mich mein ganzes Leben lang begleiten werden!

Nun, mir ist schon etwas mulmig im Bauch als „Stolz von VINAPHUNU“ bezeichnet zu werden. Nichtsdestotrotz nehme ich mir vor, mein Bestes zu tun um diesem Ruf gerecht zu werden! Ich hoffe, diese Zeilen haben bereits einen ersten Beitrag dazu geleistet und mir ist es gelungen, dich damit ein wenig „stolz“ zu machen. Ich wünsche Dir, liebste Bac Thu, an erster Stelle viel Gesundheit um den Verein noch viele weitere Jahre erfolgreich leiten zu können, so, wie du es die vergangenen 20 Jahre schon getan hast.

In ewiger Dankbarkeit, deine Schülerin

 

Lan Anh, Nguyen

Studentin der FHS für Wirtschaft in Berlin

6.2011

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